WIE BRÖSEL

Wie Brösel erbeutet von einer Ameise

Bücherplätze zum Werk von Hans Magnus Enzensberger zum 80. Geburtstag —
Ein partizipatorisches Kunstprojekt für den öffentlichen Raum, Kaufbeuren 2009

Karin Bergdolt in Zusammenarbeit mit Sigi Wiedemann

Bildnachweis: Mathias Wild, Sigi Wiedemann

Der Projekttitel „Wie Brösel, erbeutet von einer Ameise“ ist ein Zitat aus Hans Magnus Enzensbergers Gedicht „Überflüssige Elegie“. Der Begriff „Brösel“ deutet an, dass es sich bei der verfügbaren Literatur trotz aller Fülle um Fundstücke und nicht um das geschlossene Lebenswerk handelt. Die „Ameise“ erinnert an die projekteigene Dynamik, die die ungesteuerte Entnahme, Wanderung, Rückgabe oder auch das Verschwinden der Bücher erzeugen wird.

Wer etwas schreibt, der möchte, dass es gelesen wird. Aus Anlass des 80. Geburtstags des in Kaufbeuren geborenen Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger wird eine Auswahl seiner Schriften auf ganz besondere Art veröffentlicht. Die Künstlerin Karin Bergdolt hat die Idee der Bücherplätze entwickelt. Fünf Wochen lang sind sie in der Innenstadt von Kaufbeuren und in Neugablonz zu finden. Die Kunstinstallation, deren Realisation die Künstlerin Sigi Wiedemann betreut, knüpft ein imaginäres Netz im Stadtbild. An jedem Bücherplatz ist ein Teil der rund 350 Bücher aufgestellt, die von der Literaturwissenschaftlerin Mechtild Becker ausgewählt wurden. Die Bücherplätze selbst haben die Künstlerinnen mit Schülerinnen und Schülern der Gustav-Leutelt-Schule in Neugablonz hergestellt. Aus einfachen hölzernen Regalen entstanden durch farbige Gestaltung und das Aufsetzen eines Kästchens aus Plexiglas bunte Türme, die so beiläufig wie besonders erscheinen. Die vier Beine der Regale enden in zementgefüllten Dosen, als müssten sie samt ihren gläsernen Bücherkronen am Boden gehalten werden, damit sie sich nicht in die Lüfte erheben wie der „Fliegende Robert“, eine der wohl bekanntesten Figuren, denen Enzensberger ein Sprachdenkmal setzte.
Das Netzwerk der Bücherplätze ist ein echtes Angebot. Jeder soll sich ein Buch aus dem Kasten nehmen können, um darin zu lesen. Jeder nimmt damit auch ein Stück Verantwortung auf sich, verändert das Kunstwerk, wenn er das Buch an anderer Stelle wieder ablegt oder es nicht zurückgibt. Das gehört zum Wandel, der dieser Kunstform eigen ist, zum spielerischen Risiko, den Einsatz zu verlieren. Die Chance ist die Erweiterung des Kunstwerks in die Öffentlichkeit, seine Wirkung außerhalb der Reservate von Kunstausstellung und Galerie. Und ein Geschenk an den Schreibenden: Leser zu gewinnen.

Jochen Meister


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Die beteiligten Schülerinnen und Schüler der Gustav-Leutelt-Schule, Kaufbeuren
Foto: Mathias Wild